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Ein bewegendes Zeugnis

Und du bist nicht zurückgekommen - Marceline Loridan-Ivens, Judith Perrignon, Eva Moldenhauer

Als sie fünfzehn Jahre alt ist, wird Marceline zusammen mit ihrem Vater nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie landet in Birkenau, er in Auschwitz. Sie überlebte, er nicht. Nach siebzig Jahren schrieb sie einen Brief an ihn, in dem Sie versucht, das Unaussprechliche zu erzählen.

 

Sie sind nur drei Kilometer voneinander getrennt. Zwischen ihnen die Gaskammern, der Geruch nach verbrannten Fleisch und all der Hass. Die Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung ebenso wie die Ungewissheit, was mit dem anderen geschieht.

 

„Dann denke ich an dich. Ich sehe jene Botschaft wieder, die du mir dort hast zukommen lassen […]. Sicher bin ich mir nur einer Zeile, der ersten ‚Mein liebes kleines Mädchen‘ […]“ (S. 8)

 

Meinung

 

Zuallerst gleich vorweg – das Buch spiegelt nur den Brief, den Marceline an ihren Vater schreibt, wider. Ein Brief, der ihre Gedanken, ihr Innerstes preis gibt. Der versucht, das Geschehen zu verarbeiten. Es gibt keinerlei Hintergrundinformationen, also warum beispielsweise nur Marceline und ihr Vater nach Auschwitz/Birkenau kamen, aber der Rest der Familie nicht oder ähnliches. Wenn ihr hier genaueres Wissen wollt, dann googelt am besten mal nach Marceline und seht euch den Film Birkenau und Rosenfeld an, indem sie das Erlebte ebenfalls verarbeitet hat und der der erste Film war, der auf dem Gelände von Auschwitz gedreht werden durfte.

 

Marcelin kehrt in diesem sehr nüchternen, leicht wirren und eher kühlen Brief ihr Innerstes nach außen. Sie spricht das Unaussprechliche an, schmückt dabei aber nichts aus, verschönt nichts, bleibt sehr sachlich und wertet nicht. Und genau das ist es, was mir einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Die Gräueltaten und Grausamkeiten die damals geschahen erleben wir durch ihre Hand hautnah. Wir lesen hier einen der letzten Berichte einer Augenzeugin. Einer, die Überlebte und doch ein bisschen gestorben ist.

 

„[…] wir wissen, dass die Nazis verloren haben, aber es ist zu spät, viel zu spät, um sich zu freuen, die Qualen sind zu groß gewesen, es bleibt nur das Gefühl des Schreckens und des Verlustes.“ (S. 63)

 

Denn keiner, der aus dem KZ zurückkam, hat wirklich vollständig überlebt. Ein Teil zerbricht immer, ein Teil bleibt zurück und ist für immer gezeichnet. Die Familie, Bekannte und all die anderen, sie alle sagten hinterher immer – „Du musst vergessen“. Doch wie soll man solche Geschehnisse jemals vergessen, wenn man selbst mittendrinnen war. Wenn man wie Marceline nur ein paar hundert Meter vom Vater entfernt war, ihn aber nur ein einziges Mal sehen konnte. Ein Treffen, bei dem sie gerade einmal die Nummer ihre Baracke sagen kann, bevor sie bis zur Ohnmacht geprügelt wird. Nur ein einziger Brief, ein paar Zeilen, an die sie sich kaum erinnern kann, bleibt ihr von ihrem Vater. Denn er wird nie zurückkommen, er ist zu alt, zu schwach. Marceline ist noch jung, sie schafft es, wie er es prophezeite, aber ist innerlich zerbrochen. Mitteilen kann sie sich kaum, wer nicht dabei war, versteht es nicht.

 

„Aber wir wären zwei gewesen, die wussten. Wir hätten vielleicht nicht of darüber gesprochen, doch die Ausdünstungen, die Bilder, die Gerüche und die Gewalt der Gefühle hätten uns wie Wellen erfasst, sogar in der Stille, und wir hätten die Erinnerungen durch zwei teilen können.“ (S. 47)

 

In diesem Brief, den sie an ihren toten Vater schreibt, öffnet sie sich. Berichtet von dieser unfassbaren, grauenhaften und für uns so unverständlichen Zeit. Erzählt uns, ohne irgendetwas zu verheimlichen oder zu verschönen wie es war, als sie Massengräber ausheben musste, umfangen vom Gestank der Gaskammern, wie sie tagein, tagaus Alte, Schwache, Kranke und Kinder in den Kammern verschwinden und als grauer Dunst aus den Schornsteinen herauskommen sah.

 

„Von meinem Block aus sah ich sie, die Kinder, die auf den Weg zu den Gaskammern waren.“ (S. 20)

 

Wie nie sicher war, ob sie oder ihre Freunde, ihre Bettnachbarn, den nächsten Tag erleben werden. Und wie sie zurückkommt obwohl die Familie immer nur noch auf den Vater wartet, wie ihre Familie an dem Schicksal zerbricht.

 

„Ich habe gelebt, da du wolltest, dass ich lebe […]. Gern würde ich vor der Geschichte der Welt, des Jahrhunderts fliehen und zu meiner Geschichte zurückkehren, zu der von Schloime und seinem lieben kleinen Mädchen.“ (S. 109)

 

Fazit

 

„Und du bist nicht zurückgekommen“ ist einer der letzten Augenzeugenberichte dieser Gräueltaten. Es läuft einen eiskalt den Rücken herunter, wenn wir die klaren, kühlen, erhlichen Worte von Marceline an ihren verstorbenen Vater lesen. Sie kehrt in diesem Brief ihr Innerstes nach außen. Ein Geständnis, eine Liebeserklärung an ihren Vater und ein Zeugnis dieser Zeit, die uns heute so unverständlich ist, die aber niemals vergessen werden sollte.