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Ein Buch, das seinem Namen alle Ehre macht

Echt - Christoph Scheuring

Albert fotografiert Tag für Tag am Bahnhof – Umarmungen, Trennungen und Tränen. Albert sammelt Abschiede. Denn Abschiede sind Momente für ihn, in denen die Menschen echter und wahrhaftiger sind als jemals sonst. Bis er eines Tages Kati kennen lernt, die aussieht wie ein Engel aber gleichzeitig abgezockt und verletzlich. Und sie ist gebannt von seinen Bildern, besonders von einem ganz bestimmten. Ein Bild, dass sein Lieblingsbild ist, da auf ihm Schmerz und Glück miteinander verschmelzen. Aber Kati ist überzeugt, das Foto ist eine Lüge. Gemeinsam versuchen sie in den Tiefen des Bahnhofes die Wahrheit zu finden.

 

„Es ist nämlich so, dass ich finde, dass es keinen intensiveren Augenblick gibt als einen Abschied. Also, ich meine, so einen Abschied von einem Menschen, der einem alles bedeutet, und wo sich das Herz schon verklemmt, wenn man nur daran denkt, dass er vielleicht irgendwann nicht mehr da ist.“ (S. 13)

 

Meinung

 

Schreibstil

 

Ich konnte mich vom ersten Wort an in das Buch fallen lassen. Echt macht seinem Namen auch im Schreibstil alle Ehre. Denn die Geschichte wird von Albert erzählt, der 16 Jahre alt ist, und genauso ist der Schreibstil. Locker, leicht und in Umgangssprache sowie sich Jugendlich in diesem Alter eben ausdrücken. Es gab wundervolle und einzigartige Beschreibungen und gleichzeitig hat Christoph Scheuring auch eine kühle, harte Sprache verwoben, die die Situation rund um die Straßenkinder am Hamburger Hauptbahnhof nicht verschönert.

 

Geschichte

 

Albert ist 16 Jahre alt und lebt, abgesehen von der Scheidung seiner Eltern, behütet in Hamburg auf. Seine Mutter lebt in einer anderen Stadt und sein Vater ist in seine mathematischen Berechnungen vertieft und nimmt nicht all zu viel Notiz von Albert. Bisher ist das auch gut gegangen und er hatte noch nie Schwierigkeiten. Darüber, dass sein eigenartiges Hobby ihn vielleicht mal in Schwierigkeiten bringt, hatte er auch noch nie nachgedacht.

 

Den Albert fotografiert gerne. Und zwar Abschiede am Hauptbahnhof in Hamburg. Er verbringt Tag für Tag auf den Gleisen und beobachtet wie Menschen, die sich lieben, voneinander Abschied nehmen. Das ganze hält er auf Fotos fest.

 

Eines Tages trifft er dort auf Kati. Schnell kommen die beiden ins Gespräche und er ist vom ersten Moment an von ihr fasziniert und verliebt sich in sie.

 

„Eigentlich war ihr Gesicht wie ein See bei einem Sturm, der voller Wellen war, und dann wurde er plötzlich spiegelglatt, und das Wasser war ganz klar, sodass man bis runter zum Grund sehen konnte, und dort war dann alles algenmäßig überwachsen von Trauer.“ (S. 24)

 

Sie ist auch die erste, der er freiwillig seine Fotos zeigt. Bei seinem Lieblingsfoto reagiert sie jedoch ganz anders, als gedacht. Irgendwie schockiert und erstarrt. Sie ist der festen Überzeugung, dass das Bild eine Lüge ist. Gemeinsam starten sie also, die Wahrheit hinter dem Foto aufzudecken. Dabei verliert sich Albert immer mehr in die Welt der Straßenkinder und drogenabhängigen Jugendlichen am Bahnhof. Kati ist unberechenbar, haut immer wieder ab und er sucht sie jeden Tag, in der Hoffnung sie am Bahnhof wieder zu finden. Sie kommt und geht, wie es ihr passt, verabreden kann man sich mit ihr nicht. Auf der täglichen Suche lernt er Sascha und die anderen der Clique kennen. Bis er beginnt, auch ihr Leben zu dokumentieren. Die Geschichte war echt und real und ging unter die Haut. Die Jugendlichen, Drogenabhängigen und Obdachlosen wurden nicht an den Pranger gestellt, sondern die Geschichte wurde aus ihrer Sicht beleuchtet. Christoph Scheuring urteilt nicht, was er auch nicht muss, denn ich finde, die Geschehnisse und die Charaktere und ihre Erlebnisse und Zustände sprechen für sich. Die Liebe zwischen Albert und Kati webte sich dabei sachte und real ohne jeglichen Kitsch ein.

 

„Ich kann das gar nicht ausdrücken so richtig…dass auf den Fotos alles irgendwie zart ist und auch wieder so brutal hoffnungslos. Und dass das die Wahrheit ist…Deshalb bin ich halt traurig.“ (S. 207)

 

Charaktere

 

Albert war für mich gar nicht unbedingt der Hauptprotagonist. Er erzählt uns zwar die Geschichte, aber es ist nicht unbedingt seine Geschichte. Sein Leben und seine Gefühle und Taten waren eher am Rande quasi der Rahmen der Story. Er war dennoch ein liebenswerter, etwas eigenwilliger aber viel zu naiver Charakter. Was man mit 16 Jahren, wenn man noch keine großen Rückschläge in seinem Leben hatte, durchaus sein darf.

 

Kati war sehr unnahbar und unberechenbar. Ich kann nicht sagen, dass ich sie sehr sympathisch fand. Aber ich konnte auf jeden Fall mitfühlen und mich in sie hineinversetzten. Die Art und Weise, wie sie oft mit Albert umging, war etwas fies. Ich konnte sie und ihr Verhalten aber oft verstehen, weil sie in ihren jungen Jahren extrem viel durchmachen musste. Solche seelischen Narben hinterlassen nunmal ihre Spuren.

 

Beide Charaktere waren also nicht unbedingt Vorbilder oder Sympathieträger aber sie waren ECHT. Authentisch, greifbar, aus dem Leben gegriffen. Auch die Nebencharaktere waren alle ECHT und trotz ihrer eher geringen Rolle sehr wichtig und irgendwie im Vordergrund. Besonders Sascha war sehr gut gezeichnet. Für mich waren Kati und die anderen Straßenkinder die wichtigeren Personen, denn das Buch ist eher eine Geschichte über deren Leben und deren Schicksal. Darüber, dass es Menschen gibt, die nicht behütet aufwachsen können, die keine wirkliche Kindheit haben und viel durchmachen und zum Teil ordentlich in der Scheiße stecken.

 

„Sie schaut mich an, trotzig und verletzt und von unten nach oben und sagte gar nichts, und ich sagte auch nichts, weil ich eben auch keine Antwort hatte auf nichts, und wenn mir überhaupt irgendwas klar war in meinem Leben, dann das: Egal, was passiert, diese Hand lässt du nie wieder  los.“ (S. 255)

 

Fazit

 

Christoph Scheuring hat eine Geschichte erschaffen, die ihrem Namen alle Ehre macht – den sie war ECHT. Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt – hart und ungeschönt. Die Art und Weise, wie sie geschrieben ist, passte perfekt. Die Charaktere waren gut und ECHT gezeichnet und gaben uns Einblicke in das harte Leben der Straßenkinder. Ich muss allerdings einen Punkt abziehen, da das Ende zwar passend aber mir zu abrupt. Als hätte er nicht ganz gewusst, wie die Sache rund um das Foto enden soll, was vermutlich so gewollt war. Ich konnte dadurch aber nicht richtig mit dem Buch und der Geschichte abschließen, als wären ein paar Seiten verloren gegangen.