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George R.R. Martin
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Brutal ehrlich - schokierend und schön zugleich

Das Lachen und der Tod - Pieter Webeling

Ernst Hoffmann, niederländischer Komiker, wird im Jahr 1944 mit einem Viehwaggon und zusammen mit anderen Gefangenen in ein KZ in Polen gebracht. Mit Hilfe von Witzen versucht er seine Mitgefangenen abends vor der endgültigen Verzweiflung zu bewahren. Bis ein deutscher Lagerkommandant davon erfährt. Er will Hoffmann dazu bringen, vor den SS-Soldaten aufzutreten. Ernst weigert sich, doch dann wird im das Leben einer Frau versprochen, in die er sich beim Transport verliebt hat.

 

Meinung

 

„Sie sind tot, Holländer. Durch den Kamin. Die Menschen aus der rechten Reihe sind Asche im Fluss.“ (S. 54)

 

Schreibstil

 

Das Buch wird aus der Ich-Perspektive von Ernst Hoffmann selbst erzählt. Er berichtet uns, von seiner Zeit im Konzentrationslager. Dabei verwendet Pieter Webeling einen gnadenlos ehrlichen, knallharten, unverblümten Schreibstil, der die unmenschlichen Grausamkeiten im KZ auf brutale weiße transportiert. Und genau das ist richtig, denn alles andere wäre falsch und würde den Gräueltaten nicht gerecht werden.

 

„Der andere kontrolliert mit einem kleinen, runden Zahnarztspiegel die Mundstücke und riss mit einem lauten Krachen einen Goldzahn heraus. […] Anschließend wurde die Leiche wie ein nutzlos gewordener Klumpen Fleisch weitergereicht.“ (S. 159)

 

Charaktere und Geschichte

 

Von Beginn an erfährt man als Leser, bereits im Klappentext, dass der Komiker Ernst Hoffman das KZ Auschwitz überlebt hat. Wir lernen ihn kennen, als er kurz vor seinem ersten Auftritt nach dem Krieg steht. Dort wartet er nervös auf eine bestimmte Frau in seiner Garderobe. Helena, die er im Viehwaggon beim Transport ins KZ kennenlernte.

 

„Ich hatte Angst davor, eines Tages ihr Gesicht zu vergessen. Den Geschmack ihrer Lippen oder ihr Lächeln.“ (S. 76)

 

Helena konnte nicht nur sein, sondern auch mein Herz im Sturm erobern. Denn mitten in diesem Elend, in dem hunderte wie Vieh transportiert wurden, versucht sie den Menschen Hoffnung zu geben, indem sie das Lied der Hoffnung singt. Bald kommt es zu einem Handgemenge im Waggon und Ernst versucht wie Helena, Hoffnung zu säen. Nur versucht er es mit Komik, einem Witz, einem Lacher. Und genau das wird er später auch im KZ, abends in den Baracken, versuchen. Nach dem Motto jeden Tag ein Lacher versucht er, sich an die minimale Hoffnung des Überlebens zu klammern und bereits todgeweihte von ihrem Elend abzulenken.

 

Als ich den Klappentext las, habe ich erst wochenlang überlegt, ob ich das Buch wirklich haben will. Die harte Realität eines Vernichtungslagers und Humor mischen? Das kann nicht gut sein und ist bestimmt geschmacklos – so dachte ich mir.

 

„Humor ist nichts weiter als die strikte Weigerung, der Tragödie das letzte Wort zu überlassen.“ (S. 105)

 

Doch ich bin jetzt, wo ich „Das Lachen und der Tod“ gelesen habe, sehr froh, dass ich mich für das Buch entschieden habe. Denn Ernst Hoffmann schafft es, den Grad zwischen Lachen und Tod gekonnt zu halten. Immer wieder sind Witze dabei, in denen Ernst Hitler und seine Gefolgsleute aber später vor den SS-Leuten auch sich selbst aufs Korn nimmt ohne dabei irgendetwas zu beschönigen oder ins Lächerliche zu ziehen. Durch seinen gnadenlos ehrlichen Schreibstil und seine authentischen und bildhaften Schilderungen all der Widerlichkeiten, Abartigkeiten, unfassbaren Ungerechtigkeiten ist „Das Lachen und der Tod“ eine der wenigen Lektüren zu den damaligen Geschehnissen, welche die pure Wahrheit sagen und nichts zu verschönern versuchen. Pieter Webeling schafft es Bilder in meinem Kopf entstehen zu lassen, die mich sehr traurig machten und obwohl man doch ungefähr weiß, was damals geschah, schaffte er es, mich erneut sprachlos, angewidert und schockiert zurückzulassen.

 

Die Charaktere sind dabei authentisch, brutal und ehrlich. Sie geben Einblicke in die schwärzesten aber auch hellsten Stellen der menschlichen Seelen. Wir erleben, wie blind die SS-Leute, Kapos und Barackenältesten sind, wie falsch und grauenhaft. Aber auch, wie tief drinnen in manchen etwas Gutes steckt, etwas, dass sich gerne weigern würde. Auch Ernst verzweifelt immer wieder an dieser einen Frage, ob er etwas tun müsste. Einige spielen ihre Rollen, weil sie selber Angst um das eigene Leben haben. Jeder will Überleben und selbst Gefangene werden so leicht zum Tier, und sind nur auf ihr eigenes Wohl bedacht. Und genau diese Ehrlichkeit bereitete mir oft eine Gänsehaut. Jeder von uns ist vermutlich entsetzt, wenn selbst die Häftlinge unter sich grausam zueinander sind und schockiert, dass so viele nur zugesehen haben. Aber keiner kann wirklich sagen, ob er anders gehandelt hätte, wenn es ums nackte Überleben geht.

 

„‚Angenommen, wir beide überleben nicht wie so viele andere. Hätten wir etwas unternehme

müssen?‘ Das hatte ich mich bereits tausend Mal gefragt, ohne je eine Antwort darauf zu finden.“ (S. 221)

 

Peter Wiebling zeigt mit seinem Buch, wie wichtig Hoffnung und auch Liebe im Leben sind. Das einzige, was Ernst zum kämpfen ums Überleben bringt, ist der Gedanke an Helena. Es zeigt, dass neben alle der Brutalität, neben Hunger, Leiden, Tod auch Liebe, Freundschaft und Hoffnung entstehen.

 

Fazit

 

Pieter Webeling schafft mit „Das Lachen und der Tod“ die Gratwanderung zwischen Tod und Humor. Wir blicken in die tiefsten Abgründe der Menschheit und lesen gleichzeitig, wie in solchen unfassbar grauenhaften Zeiten dennoch Liebe, Freundschaft und Hoffnung entstehen kann. Das buch ist hart, brutal, ehrlich, emotional und berührend – schrecklich und wunderschön zu gleich. Ein Buch, dass nichts verschönt und dennoch Hoffnung streut.

Quelle: http://lovelymix.de/rezenzion-das-lachen-und-der-tod-pieter-webeling