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A Game of Thrones: The Story Continues: The complete box set of all 6 books (A Song of Ice and Fire) by Martin, George R. R. (2012)
George R.R. Martin
Meine Frau kommt mit ihrem Mann
Beatrix Petrikowski

Ein Ausflug in die deutsche Literaturgeschichte nach 45

Meine deutsche Literatur seit 1945 - Marcel Reich-Ranicki, Thomas Anz

Marcel Reich-Ranicki war ein halbes Jahrhundert lang einer der erfolgreichsten und bedeutendsten aber auch einer der umstrittensten deutschen Literaturkritiker. Er hat die literarische Nachkriegszeit wie kein anderer bis in das 21. Jahrhundert geprägt. Er war Teil der „Gruppe 47“, schrieb Kritiken für Feuilletons einflussreicher Zeitungen und war Teil des populären „Literarischen Quartett“ das wohl jeder von uns Buchfreunden kennt. 2014 erschien bereits der Band zur Geschichte der Literatur seit dem Mittelalter. „Meine deutsche Literatur seit 1945“, das von Thomas Anz herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit der Literatur der Nachkriegszeit und DDR bis hin zur Gegenwart, also mit der tpyischen Gegenwartsliteratur.

 

„Das außergewöhnliche intensive Interesse deutscher Autoren Anfang der sechziger Jahre für psychiatrische Motive ist also vollauf begreiflich – und dennoch beunruhigend. Bisweilen will es nämlich scheinen, dass wir es hier mit zwar naheligenden, aber auch bequemen literarischen Lösungen zu tun haben.“ (S. 34) – Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit.

 

Wir haben eine hervorragende und bunt gemsichte Auswahl an Essays und Kritiken von Marcel Reich-Ranicki vor uns, die zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören. Wir bekommen Einblicke in Lobreden, die bei ihm wahrlich selten sind, und seine Verrisse bekannter, für uns sehr großer Schrifsteller, die mit viel Ironie und Sarkasmus gespickt sind. Dabei sind sie aber immer ehrlich, tiefgründig und gerecht. Trotz teilweiser sehr harrscher Worte kann man Reich-Ranicki doch nie böse sein, denn er nimmt ein Buch richtig auseinander. Er zersetzt es, analysiert es, setzt es wieder zusammen und bringt es ihn den geschichtlichen, gesellschaftlichen Kontext und berücksichtigt dabei immer auch das Gesamtwerk und die Lebensgeschichte, den Werdegang eines jeden Autors. Nachrufe, Laudatien und Berichte aus Treffen der Gruppe 47 sowie Teile aus dem berühmten Literarischen Quartett runden diese exzellente Auswahl ab.

 

„Neben dem Hang zum Sachlichen und zum Nüchternen kann man den Debütanten der sechziger Jahre auch einen sicheren Blick für reale Gegebenheiten und für konkrete gesellschaftliche Milieus nachsagen.“ (S. 36) – Aus Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit.

 

„Meine deutsche Literatur seit 1945“ ist kein leichtes Buch, dass man einfach mal zwischenrein liest. Es ist ein Zeugniss der deutschen Literaturgeschichte. Hautnah erleben wir den Wandel in der Literatur der Nachkriegszeit bis heute, die viel die Kriegszeiten und die DDR als Rahmen hat. Egal ob Verriss oder Lobrede, Reich-Ranicki bleibt sich dabei immer treu, ganz egal, ob das Buch bereits gelobt wurde oder nicht. Er steht zu seinem Standpunkt und begründet dabei jedes Detail, das ihm wichtig ist. Gerade die Kritiken zu Beginn des Buches schweifen dabei oft sehr ausführlich in die Umwelt ab und in die Gegebenheiten unter denen die Geschichte entstand. Sehr interessant waren für mich vor allem die Aritkel, in denen es um die Literatur und Literaturkritik selbst geht, wie beispielsweise „Kritik auf den Tagungen der Gruppe 47“.

 

„Dieses Buch ist eine Provokation und eine unglaubliche Zumutung. Dieser Anfänger ist eine ganz große Hoffnung.“( S. 65) – Aus Ein Eisenbahner aus der DDR: Zu Uwes Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“.

 

Zwar habe ich mehrer Wochen gebraucht, um diese Auswahl von Marcel Reich-Ranickis wichtigsten Texten zu lesen, aber es waren einige spannende Wochen durch die Welt der deutschen Literatur seit 1945. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der einen Einblick in Reich-Ranickis Gedanken und in die deutsche Literaturgeschichte der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart möchte.

 

„[…] Er wird immer wieder geschwätzig. Wäre der Roman um mindestens zweihundert Seiten kürzer, es wäre – wenn auch sicher kein bedeutendes Werk – doch weit besser.“ (S. 70) – Aus Auf gut Glück getrommelt: Spielereien und Schaumschlägereien verderben die Zeitkritik des Günter Grass.

Spannend bis zum Schluss

Das Mädchen mit den blauen Augen - Michel Bussi

Wer ist diese kleine Mädchen, dass als einzige die Flugzeugkatastrophe in den französischen Alpen überlebt hat?  Nach achtzehn Jahren bringt ein Privatdetektiv die Wahrheit ans Licht und bezahlt dafür mit seinem Leben. Das Buch nimmt uns mit auf eine Identitätssuche voller Wirrungen.

 

Meinung

 

Wie bereits im Buch "Die Frau mit dem roten Schal" schreibt Bussi sehr einnehmend, geheimnisvoll und dennoch locker. Trotz der vielen französischen Namen und Orte, mit denen Mancher seine Schwierigkeiten haben könnte, lässt sich die Geschichte rund um das Mädchen mit den blauen Augen einfach lesen. Mit fiesen, kleinen Cliffhangern, vielen Wendungen und falschen Fährten konnte mich Bussi auch in diesem Buch wieder durchgehend unterhalten.

 

„Einen Mord…Ein unerlässliches Verbrechen. Es galt, ein Monster zu töten, um weiterleben zu können oder wenigstens zu überleben.“ (S. 81)

 

Wir steigen ein mit dem tragischen Flugzeugabsturz im Jahr 1980 im französischen Jura. Alleine ein kleines, drei Monate altes Baby, mit tiefblauen Augen, überlebt. Doch das Schicksal spielt einen fiesen Streich. Denn auf der Passagierliste stehen zwei Babys, ungefähr gleich alt. Welches der beiden hat nun überlebt? Emilie Vitral oder doch Lyse-Rose Carville? Die Großeltern beider Mädchen sind sich sicher, die Überlebende ist ihre Enkelin. Ein aufwühlender Streit um die Identität und das Sorgerecht der Kleinen beginnt. Der Richter muss eine Entscheidung fällen, die doch nie wirklich sicher sein kein, die rein spekulativ ist und auf Vermutungen basiert. Denn damals gab es noch nicht die Möglichkeit, einen DNA-Test durchzuführen.

 

Trotz vieler Zweifel fällt die Entscheidung schließlich – Emilie Vitral soll überlebt haben. Stimmt das wirklich und was ist der Schlüssel zur Wahrheit? Diesen entdeckt Grand Duc erst achtzehn Jahre später. Er ist Privatdetektiv und wurde von den Carvilles beauftragt. Kurz danach wird er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Zuvor hat er Emilie aber seine Aufzeichnungen zukommen lassen. Aufzeichnungen, die ihr Leben von Grund auf verändern. (keine Angst, das steht so in der Inhaltsangabe im Buch, ich spoiler euch hier nicht)

 

Die Geschichte wird dabei überwiegen von Marc Vitral erzählt und besteht zu vielen Teilen aus den Aufzeichnungen des Privatdetektivs Grand Duc, die er an diesem 2. Oktober 1998 liest. Ergänzt wird die Erzählung von kurzen Blicken zu Emilie/Lylie/Lyse-Rose, wer auch immer sie nun sein mag und zu den anderen Familienangehörigen beider Seiten. Das machte „Das Mädchen mit den blauen Augen“ sehr vielseitig ohne es zu überfrachten.

 

Obgleich das Buch mit einer Fülle an Charakteren aufwartet, lernen wir doch keinen so wirklich kennen. Wir begleiten Marc durch diesen Tag, der aber doch meist durch das Lesen der Aufzeichnungen bestimmt ist. Diese sind wiederum von Grand Duc geschrieben. Lylie selbst, wie sie oft genannt wird im Zuge der Verhandlungen, lernen wir überhaupt nicht richtig kennen, obwohl sich die Geschichte doch um sie drängt. Sie bleibt eine Schattenfigur, um die sich ein riesiges Geheimnis dreht. Das passte aber hervorragend und auch die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte nur ein stiller Mitleser zu sein, störte mich nicht im geringsten.

 

Trotz das wir bereits durch die Inhaltsangabe wissen, für wenn sich die Richter entschieden haben, ist die Geschichte durchweg spannend. Der Roman liest sich fast schon wie ein Kriminalroman, bei dem man die Wahrheit immer mit schätz, eine Wahrheit, die Bussi dann aber auf der nächsten Seite schon wieder verwirft. Das macht das Buch zu einem PageTurner, denn erst am Ende führt er uns nicht wieder an der Nase herum und entlässt uns zufrieden in die Realität – den ein bisschen gewinnen muss man als Leser ja auch. Das Ende führt uns dann entspannt aus einer Geschichte voller Verzweigungen, die sich doch nie verliert und in der selbst kleinste Details wie ein Puzzleteil ins andere passen. Lediglich einige wenige Szenen waren für mich etwas überzogen und unglaubwürdig.

 

„Sie ließ das Haus über den Klippen schweben, so mussten es diejenigen empfinden, die in ihre Nähe durften.“ (S. 288)

 

Fazit

 

Michel Bussi konnte mich auch mit „Das Mädchen mit den blauen Augen“ überzeugen. Ein Roman, der eher wie ein Kriminalroman anmutet, mit vielen Wirrungen und falschen Fährten ohne mich als Leser dabei zu überfordern. Der Schreibstil war einnehmend und stimmungsvoll. Lediglich ein paar Szenen waren nicht ganz glaubwürdig, weshalb ich einen Punkt abziehe.

Melancholisch, düster, poetisch

Die Raben - Tomas Bannerhed

Wir befinden uns in Småland, in den 70er Jahren auf einem kleinen Bauernhof. Hier lebt Klas. Vögel sind seine Leidenschaft, er ist ein Vogelbeobachter. Der Flug der Vögel verheißt für ihn Freiheit. Er hält tage- und nächtelang nach ihnen Ausschau und lauscht ihren Rufen. Er liebt die Vögel, denn so kann er kurze Zeit der schweren Feldarbeit und seinen zunehmend irrer werdenden Vater entfliehen. Er soll später einmal den Hof übernehmen, aber seine Träume sehen anders aus. Immer wieder sucht er die Einsamkeit der Wälder und begeistert sich besonders für Raben. Spricht das für seinen eigenen Wahnsinn?

 

Meinung

 

Tomas Bannerhed schreibt unglaublich poetisch. Seinen Schreibstil kann man mit keinem anderen vergleichen. Er schaffte eine sehr düstere, distanzierte Atmosphäre und verbindet dies gleichzeitig mit detailreichen, malerischen Beschreibungen der Natur und starken Sprachbildern. Die Raben ist alles andere als das typische Astrid-Lindgren Schweden. In dieser Geschichte erleben wir kein sorgenfreies, leichtes, glückliches Leben umringt von beeindruckenden Naturlandschaften. Hier erleben wir das harte Arbeiterleben, die täglichen Probleme und ein Familiendrama. Selbst die Natur wirkt hier düsterer, dennoch nicht weniger beeindruckend.

 

Die Geschichte von Klas lässt sich nicht einfach nebenbei lesen. So poetisch der Schreibstil auch ist, so anstrengend ist er auch. Ich musste stets konzentriert bleiben, konnte nicht einmal irgendeinen Laut um mich ertragen, sonst kam ich sofort raus. Stellenweise musste ich Absätze mehrfach lesen, um zu verstehen, was Bannerhed sagen will, was er übermitteln will. Das machte das Buch zu einer sehr langwierigen Lektüre, in die man zunächst einmal hineinfinden musste.

 

„All die Sterne draußen hinter dem Rollo, die Silhouetten der kalten, hängenden Birkenäste auf dem Fenster, die Kälte, die in den Wänden krachte.
Dass es so still sein kann.“ (S. 372)

 

Die Geschichte wird uns aus Sicht von Klas, einem 12jährigen Sohn einer einfachen Bauernfamilie in Schweden, berichtet. Bannerhed umschreibt dabei sehr detailliert sowohl Klas Empfindungen und Gedanken, als auch die Geschehnisse um ihn herum. Allerdings muten diese stets eher wie die eines Erwachsenen, alten Mannes an, nicht wie die eines 12jährigen. Zudem macht er keinerlei Abgrenzungen, wirft alles wild durcheinander. Wir erleben mit, wie Klas Vater zunehmen dem Wahnsinn verfällt, gebeutelt durch die harte Arbeit, von der doch nichts bei rum kommt. Wie er schwankt zwischen sanftmütigen Vater und einem Irren, der nachts den Schrott sortiert und wahnsinnige Züge an den Tag legt.

 

Mit jedem Tag wird die Situation daheim Schlimmer. Bis Klas schließlich selbst anfängt, mit einem Es zu reden, einer Stimme, die niemanden gehört. Geplagt von Alpträumen zeigt er zunehmend selber leicht irre Züge, die auch sein Vater schon an den Tag legt. Neben all des harten Tobaks den Bannerhed hier beschreibt, bringt er dennoch Hoffnungsschimmer und Fröhlichkeit herein, etwa als Klas Veronika kennen lernt. Doch alle schönen Stunden, das unbeschwerte Familiendasein, das die verzweifelte Mutter immer wieder versucht aufrecht zu erhalten, werden stets vom zunehmenden Irrsinn des Vaters überschattet.

 

„‚Worauf wartest du?‘, flüsterte es. ‚Wenn du hier wegwillst, dann leg los. Du musst dich selbst an den Haaren herausziehen, kein anderer wird es für dich tun‘“ (S. 103)

 

Fazit

 

Die Raben ist kein Buch für zwischendurch. Bannerhed schreibst sehr poetisch und detailreich und ebenso anspruchsvoll. Die Geschichte ist kein Buch zur reinen Unterhaltung sondern ein anspruchsvolles Stück Literatur. Es ist melancholisch und düster, rein und klar mit beeindruckend Charakterzeichnungen. Ein Buch, das sich für mich lange hinzog, da ich vieles mehrmals lesen musste. Das es mir schwermachte, mich hineinzuversetzen, aber das mich dennoch berührte und beeindruckte.

 

Für wen? Für alle, die etwas anspruchsvolle, schwedische Literatur suchen. Mit detailreichen Naturlandschaften und starken Charakterzeichnungen.

Ein Buch voller provozierender Gleichgültigkeit

Der Fremde - Albert Camus

Der Fremde“ ist der Debütroman von Albert Camus, der im Jahr 1943 erschien, als Camus gerade 29 Jahre alt war.

 

Es ist die Geschichte eines jungen Franzosen, der in Algier lebt und den ein lächerlicher Zufall zum Mörder macht. Der Roman war der schriftstellerische Durchbruch von Albert Camus und das obwohl er sehr schlicht, fasst schon kindlich schreibt, ohne komplexe Strukturen, ohne komplexe Geschichten einfach nur. Oder vielleicht auch gerade deshalb.

 

„Als der Wärter mir eines tages gesagt hat, ich wäre seit fünf Monaten da, habe ich es geglabut, aber ich habe es nicht begriffen. Für mich war es unaufhörlich der selbe Tag, der sich in meiner Zelle breitmachte, und dieselbe Aufgabe, der ich nachging.“ (S. 105)

 

Meursault lebt ein unauffälliges, fast schon langweiliges, bedeutungsloses Leben. Er pflegt kaum soziale Kontakte, ist ausdruckslos und emotionslos. Die Geschichte wird uns durch ihn erzählt. Dabei gliedert sich die Geschichte in zwei Teile, wobei der erste nur wenige Tage, der zweite jedoch mehrere Monate umfasst.

 

Meursault beginnt mit seiner Erzählung, als seine Mutter stirbt und er zu ihrer Beerdigung fährt. Er hält Totenwache und wohnt der Beerdigung bei ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Gefühle und Emotionen scheint er nicht zu haben, er ist schlicht gestrickt, stört sich an physischen Begebenheiten wie etwa zu großer Hitze mehr, als an der Tatsache, dass er gerade seine Mutter beerdigt.

 

Am nächsten Tag lernt er Marie kennen, die seine Freundin wird und ihn heiraten möchte. Doch auch dies ist Meursault vollkommen gleichgültig. Marie ist da, ab und an verspürt er etwas wie Glück mit ihr, aber ihm ist egal ob sie nun seine Freundin ist oder nicht. Marie liebt ihn gerade deshalb, weil er nicht wie andere ist, weil er seine Eigenheiten hat. Sein Nachbar Raymond ist das genaue Gegenteil von Meursault, er ist emotional, aktiv und eher gewalttätig, währen Albert gleichgültig und passiv ist. Raymond ist quasi der Auslöser der Handlung, indem er Meursault in den Konflikt mit einem jungen Araber hineinzieht.

 

Die Geschichte ist kühl, einfach, schlicht. Sie besticht durch viele kurze Sätze mit vielen Hilfsverben – zumindest in der Übersetzung Das machte es mir den kompletten ersten Teil sehr schwer, mich für das Buch zu begeistern. Doch gerade im zweiten Teil ist es genau das, was den Kern der Geschichte so unfassbar gut transportiert.

 

Meursault selbst spricht nicht viel, er schweigt, wenn er nichts zu sagen hat. Weder drückt er Emotionen aus, noch transportiert er sie in das Gesagte und das Getane anderer. Er hat eine emotionale Distanz zu allem und jedem um ihn herum. Er ist nicht moralisch oder gewissenlos, wie die Anwälte in der späteren Gerichtsverhandlung es hinstellen. Er ist losgelöst von moralischen Werten, er macht scheinbar keinen Unterschied zwischen Gut und Böse. Nicht nur sein Leben und seine Handlungen sind im Gleichgültig, auch jedes andere Leben ist im Gleichgültig, weil ja doch jeder einmal sterben wird, es macht für ihn keinen großen Unterschied ob heute oder in 30 Jahren.

 

Der zweite Teil des Buches hat mich vollkommen überzeugt. Eine Geschichte die symbolisiert, wie sinnlos dieser Versuch eigentlich ist, rationale Erklärungen für alles Irrationale zu finden. Ein Roman voller philosophischer Aspekte der soviel aussagt und unter die Haut geht, trotz seiner wenigen Seiten und der Tatsache, dass mich der erste Teil kaum begeisterte. Es zeigt uns einen Menschen ohne Gewissen, ohne Absichten ohne Ehrgeiz – einen Menschen, der einen in der Form erschreckt. Dem die Tatsache, das er das Gleichgewicht des Tages störte mehr beunruhigte, als der Tod eines Menschen.

 

Ein Buch über das Brechen von Werten und Grundsätzen und über da Nicht-Einhalten von gesellschaftlichen Konventionen. Über einen Menschen, der dennoch erkennt, kurz vor dem Ende, dass er glücklich gewesen ist. Ein Buch voller provozierender Gleichgültigkeit und dem Versuch der Gesellschaft, damit umzugehen.

 

„Worauf es ankam, war eine Fluchtmöglichkeit, ein Sprung aus dem unerbitterlichen Ritus heraus, ein wahnsinniger Lauf, der jede mögliche Hoffnung zuließ.“ (S. 142)

 

Autor:

 

Albert Camus war französischer Schriftsteller und Philosoph. 1957 erhielt er für sein publizistisches Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur. Er gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Ein bewegendes Zeugnis

Und du bist nicht zurückgekommen - Marceline Loridan-Ivens, Judith Perrignon, Eva Moldenhauer

Als sie fünfzehn Jahre alt ist, wird Marceline zusammen mit ihrem Vater nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie landet in Birkenau, er in Auschwitz. Sie überlebte, er nicht. Nach siebzig Jahren schrieb sie einen Brief an ihn, in dem Sie versucht, das Unaussprechliche zu erzählen.

 

Sie sind nur drei Kilometer voneinander getrennt. Zwischen ihnen die Gaskammern, der Geruch nach verbrannten Fleisch und all der Hass. Die Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung ebenso wie die Ungewissheit, was mit dem anderen geschieht.

 

„Dann denke ich an dich. Ich sehe jene Botschaft wieder, die du mir dort hast zukommen lassen […]. Sicher bin ich mir nur einer Zeile, der ersten ‚Mein liebes kleines Mädchen‘ […]“ (S. 8)

 

Meinung

 

Zuallerst gleich vorweg – das Buch spiegelt nur den Brief, den Marceline an ihren Vater schreibt, wider. Ein Brief, der ihre Gedanken, ihr Innerstes preis gibt. Der versucht, das Geschehen zu verarbeiten. Es gibt keinerlei Hintergrundinformationen, also warum beispielsweise nur Marceline und ihr Vater nach Auschwitz/Birkenau kamen, aber der Rest der Familie nicht oder ähnliches. Wenn ihr hier genaueres Wissen wollt, dann googelt am besten mal nach Marceline und seht euch den Film Birkenau und Rosenfeld an, indem sie das Erlebte ebenfalls verarbeitet hat und der der erste Film war, der auf dem Gelände von Auschwitz gedreht werden durfte.

 

Marcelin kehrt in diesem sehr nüchternen, leicht wirren und eher kühlen Brief ihr Innerstes nach außen. Sie spricht das Unaussprechliche an, schmückt dabei aber nichts aus, verschönt nichts, bleibt sehr sachlich und wertet nicht. Und genau das ist es, was mir einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Die Gräueltaten und Grausamkeiten die damals geschahen erleben wir durch ihre Hand hautnah. Wir lesen hier einen der letzten Berichte einer Augenzeugin. Einer, die Überlebte und doch ein bisschen gestorben ist.

 

„[…] wir wissen, dass die Nazis verloren haben, aber es ist zu spät, viel zu spät, um sich zu freuen, die Qualen sind zu groß gewesen, es bleibt nur das Gefühl des Schreckens und des Verlustes.“ (S. 63)

 

Denn keiner, der aus dem KZ zurückkam, hat wirklich vollständig überlebt. Ein Teil zerbricht immer, ein Teil bleibt zurück und ist für immer gezeichnet. Die Familie, Bekannte und all die anderen, sie alle sagten hinterher immer – „Du musst vergessen“. Doch wie soll man solche Geschehnisse jemals vergessen, wenn man selbst mittendrinnen war. Wenn man wie Marceline nur ein paar hundert Meter vom Vater entfernt war, ihn aber nur ein einziges Mal sehen konnte. Ein Treffen, bei dem sie gerade einmal die Nummer ihre Baracke sagen kann, bevor sie bis zur Ohnmacht geprügelt wird. Nur ein einziger Brief, ein paar Zeilen, an die sie sich kaum erinnern kann, bleibt ihr von ihrem Vater. Denn er wird nie zurückkommen, er ist zu alt, zu schwach. Marceline ist noch jung, sie schafft es, wie er es prophezeite, aber ist innerlich zerbrochen. Mitteilen kann sie sich kaum, wer nicht dabei war, versteht es nicht.

 

„Aber wir wären zwei gewesen, die wussten. Wir hätten vielleicht nicht of darüber gesprochen, doch die Ausdünstungen, die Bilder, die Gerüche und die Gewalt der Gefühle hätten uns wie Wellen erfasst, sogar in der Stille, und wir hätten die Erinnerungen durch zwei teilen können.“ (S. 47)

 

In diesem Brief, den sie an ihren toten Vater schreibt, öffnet sie sich. Berichtet von dieser unfassbaren, grauenhaften und für uns so unverständlichen Zeit. Erzählt uns, ohne irgendetwas zu verheimlichen oder zu verschönen wie es war, als sie Massengräber ausheben musste, umfangen vom Gestank der Gaskammern, wie sie tagein, tagaus Alte, Schwache, Kranke und Kinder in den Kammern verschwinden und als grauer Dunst aus den Schornsteinen herauskommen sah.

 

„Von meinem Block aus sah ich sie, die Kinder, die auf den Weg zu den Gaskammern waren.“ (S. 20)

 

Wie nie sicher war, ob sie oder ihre Freunde, ihre Bettnachbarn, den nächsten Tag erleben werden. Und wie sie zurückkommt obwohl die Familie immer nur noch auf den Vater wartet, wie ihre Familie an dem Schicksal zerbricht.

 

„Ich habe gelebt, da du wolltest, dass ich lebe […]. Gern würde ich vor der Geschichte der Welt, des Jahrhunderts fliehen und zu meiner Geschichte zurückkehren, zu der von Schloime und seinem lieben kleinen Mädchen.“ (S. 109)

 

Fazit

 

„Und du bist nicht zurückgekommen“ ist einer der letzten Augenzeugenberichte dieser Gräueltaten. Es läuft einen eiskalt den Rücken herunter, wenn wir die klaren, kühlen, erhlichen Worte von Marceline an ihren verstorbenen Vater lesen. Sie kehrt in diesem Brief ihr Innerstes nach außen. Ein Geständnis, eine Liebeserklärung an ihren Vater und ein Zeugnis dieser Zeit, die uns heute so unverständlich ist, die aber niemals vergessen werden sollte.

Durchwachsener zweiter Teil

Die Sturmschwester: Roman (Die sieben Schwestern, Band 2) - Lucinda Riley, Sonja Hauser

Inhalt

 

In Ally d’Aplièse Leben gibt es einen Wendepunkt. Sie strebt dem Höhepunkt ihrer Karriere als Seglerin entgegen und hat die Liebe ihres Lebens gefunden. Mit ihm können alle Wünsche in Erfüllung gehen. Doch das Glück, dass sie gerade genießt, wärt nicht lange, denn plötzlich erhält sie die Nachricht, das ihr geliebter Vater gestorben ist.

 

Ally kehrt zum Familiensitz am Genfer See zurück, um die Nachricht gemeinsam mit ihren fünf Schwestern zu bewältigen. Alle wurden noch als Babys von Pa Salt adoptiert und wissen nichts über ihre Herkunft. Bei seinem Tod hinterließ Pa Salt jeder der Schwestern einen Hinweis, auch Ally. Durch die Biographie eins norwegischen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert, soll sie ihre wahren Wurzeln finden.

 

Allys Neugier ist entfacht und sie reist nach Norwegen, wo sie von der Welt der Musik ergriffen wird. Hier begreift sie zum ersten Mal in ihrem Leben, wer sie wirklich ist.

 

Meinung

 

Ich habe mich nach dem ersten Band zu „Die sieben Schwestern“ jetzt schon monatelang auf „Die Sturmschwester“ gefreut. Vor kurzem war es dann endlich soweit und das Buch konnte bei mir einziehen. Im Rahmen der Leserunde von LeseBlick habe ich das Buch dann endlich begonnen.

 

Leider muss ich sagen, das die Vorfreude dann etwas gedämpft wurde. Wie auch beim ersten Band habe ich lange gebraucht um in das Buch zu finden. Hier viel es mir sogar noch etwas schwerer, da ich mit Maia von Beginn an warm war, nur der Schreibstil gewöhnungsbedürftig war. Dieses Mal konnte ich mich aber einen Großteil des Buches über nicht mit Ally identifizieren, ich fühlte mich bei allen Charakteren im Buch nur als dritter Beobachter, nicht als jemand, der richtig miterlebt was gerade passiert. Dadurch blieb ich das gesamte Buch über distanziert.

 

Vieles ging mir zu schnell, gerade in Sachen Liebe. Früher – im 19. Jahrhundert – ging das vielleicht alles noch schneller und eher kühl und emotionslos vonstatten – aber auch im aktuellen Part zu Ally, der im Jahr 2007 spielt, lief das alles so ab. Das war mir zu unrealistisch und kühl und selbst die Schicksalsschläge von Ally konnten mich nicht richtig packen.

 

Die Geschichte selbst ist wie der erste Band in die Erzählungen im Jetzt von Ally und einen denen in der Vergangenheit aufgeteilt. Ally folgt den Hinweisen von Pa Salt zu ihren Wurzeln und begibt sich dabei nach Norwegen. Mit Hilfe eines Buches zu einem norwegischen Komponisten taucht sie ein in die Vergangenheit, in der Anna Landvik eine bedeutende Rolle spielt ebenso wie der Komponist Jens Halverson und der berühmte Edvard Grieg. Hier kam ich langsam in das Buch rein und mir hat der Part zu Anna lange Zeit deutlich besser gefallen. Vermutlich weil der eher kühle und teilweise umständliche Schreibstil in diese Zeit einfach besser passte und das ganze somit authentisch machte.

 

Leider gab es gerade zu Ende von Anna’s Geschichte einige Längen und das Ende war dann sehr abrupt und unverständlich. Wobei ich hier eine sehr starke Vermutung hatte, warum das Geschehene so passiert ist. Allgemein hätte die Geschichte mit einem Erzählsprung weniger und hier und da einer Kürzung mehr Spannung gehabt.

 

Trotz der Schwächen schaffte es Lucinda mich am Ball zu halten und nach einer Weile auch doch noch einzufangen. Gerade im hinteren Teil des Buchs wurde ich dann noch mit Ally warm, ebenso mit Thom, den sie in Norwegen kennenlernt. Hier kamen dann auch deutlich mehr Emotionen rüber und ich hatte wieder richtig Spaß an der Gesichte. Obwohl ich die wohl zwei wichtigsten Geheimnisse von Allys Geschichte richtig vorhersah, bleibt das Buch dennoch voller Rätsel. Denn die mysteriösen Umstände um Pa Salts Tod und die weiteren Schwester,n insbesondere der noch verschollenen siebten Schwester, werden von Riley immer wieder angedeutet.

 

Besonders gefallen hat mir zudem die szenische Beschreibung von Riley. Sie hat die malerische und doch raue Landschaft Norwegens einfach zauberhaft beschrieben. Ebenso wie das warme und südländische Griechenland und das regnerische und stürmische England. Ich hatte stets das Gefühl mit vor Ort zu sein und habe so richtig Lust auf Urlaub in Norwegen. Auch die Musik, die das ganze Buch über eine Rolle spielt, hat mich begeistert. Mehrfach ertappte ich mich beim Suchen nach den Liedern aus Grieg’s Komposition Peer Gynt und nach norwegischen Volksliedern. Die Liebe zur Musik hat eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen.

 

Mit dem Ende konnte Riley dann mit allem aufwarten, was ich mir von einem Buch erwünscht – Emotionen, Atmosphäre, Geheimnisse und einen fiesen Cliffhanger. So schafft sie es, dass ich trotz der genannten Schwächen riesig Lust auf den nächsten Band rund um „Die sieben Schwestern“ habe.

 

„Als die Lichter ausgingen und es still wurde im Saal, dachte ich an alle, die mir da draußen die Daumen hielten. Und an Pa Salt, der mir geschrieben hatte, dass ich meine größte Stärke in Momenten der Schwäche finden würde. Und an Theo, der mich gelehrt hatte, was es bedeutete, einen Menschen wirklich zu lieben.“ (S. 563)

 

Fazit

 

„Die Sturmschwester“ hat für mich ihre Schwächen:

  • lange wurde ich nicht mit der Geschichte rund um Ally warm
  • Anna hingegen konnte mich fesseln, war dann aber zu langatmig
  • Insgesamt gab es etwas zu viele Längen im Buch
  • Einiges konnte ich vorhersehen, was mir die Spannung etwas nahm
  • Ich fühlte mich eher als Beobachter, denn als Bestandteil der Geschichte
  • Der Schreibstil war eher kühl und umständlich

„Die Sturmschwester“ hat aber auch positive Seiten:

 

  • Die szenischen Beschreibungen waren zauberhaft und haben mich in das jeweilige Land versetzt
  • Die Liebe zur Musik und die Geschichte aus der Vergangenheit packten mich lange – es entstand eine ganz eigene Atmosphäre
  • Das Ende war emotional, packend und macht richtig Lust auf mehr
  • Ally und Thom sorgten im hinteren Teil der Geschichte dafür, das ich doch noch gepackt wurde
  • Die Geheimnisse um Pa Salt, Ma und die weiteren Schwestern halten mich noch immer in Bann

Texte, die ins Herz treffen

Eines Tages, Baby. Poetry Slam-Texte - Julia Engelmann

Über Nacht hatte Julia Engelmanns Poetry-Slam-Text „One Day“ eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Das Video ihres Auftrittes bei einem Poetry-Slam hat Millionen Fans im Netz gefunden. Denn ihre Message, die eigenen Träume endlich auch mal in die Tat umzusetzen, spricht vermutlich uns allen aus der Seele. Die Energie, die sie mit „One Day“ rüberbringt, strahlen auch ihre anderen Texte in „Eines Tages, Baby“ aus.

 

„Und es geht doch um den Inhalt
viel mehr als um die Form,
es geht um den Einzelfall
viel mehr als um die Norm.“ (S. 8)

 

Wochenlang habe ich nur so am Rande ständige etwas von dieser Julia Engelmann und diesem komischen Poetry Slam gehört. So viele hatten das Video gepostet und ich hatte irgendwie ewig nicht den Drang, es mir auch anzusehen. Aber ihr kennt das, irgendwann ist die Neugier dann doch zu groß – und das war gut so. Ich war sofort gefangen, wie sie da stand und so vollkommen echt und ehrlich ihren Text zu One Day vortrug. Sie hat es geschafft, mich ins Herz zu treffen und mir eine Gänsehaut zu bereiten.

 

„Es geht nicht drum, was wir tragen,
wie wir lächeln, wie wir reimen.
Es geht darum, was wir sagen,
ob wir echt sind, was wir meinen.“ (S. 9)

 

Und jetzt endlich habe ich mir auch ihr Buch (beziehungsweise gleich beide, denn das zweite „Wir können alles sein, Baby“ ist auch schon fertig mittlerweile) geholt. Erst nur als ebook, aber ich musste es mir dann doch noch kaufen, weil es auch so unfassbar hübsch aufbereitet ist. Schon allein deswegen lohnt sich der Kauf des kleinen Taschenbüchleins.

 

„Und du sieht mich, und du nimmst mich wahr,
du bist bei mir und bist für mich da,
nimmst meine Schatten, machst die Sicht klar,
machst mich wahrhaftig, machst mich sichtbar.“ (S. 11)

 

Aber ganz besonders lohnt sich der Kauf wegen dem Inhalt. In 14 Texten traf mich Julia Engelmann mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Seite mitten ins Herz. Jeder Poetry-Slam Text ist so echt, authentisch und so wahr. Das ganze Buch über hatte ich das Gefühl, dass sie doch in meinen Kopf und mein Herz geguckt haben muss.

 

„Lass mal an uns selber glauben,
ist mir egal, ob das verrückt ist!
Wer genau guckt, sieht,
das Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.“ (S. 28)

 

Ihre Texte sprechen so vieles an, was wichtig und richtig ist. Es sind  Texte über das Leben, die Liebe, über Träume und Angst und über das Erwachsenwerden und -sein. Texte die tiefegehen und dennoch humorvoll sind – die einen zum Lachen und Nachdenken bringen und auch die ein oder andere Träne hervorbringen. Gänsehaut Feeling pur und ich habe mir so viele Herzenszitate notiert.

 

„Ihr seid mein Ursprung, mein Vertrauen,
meine Insel und mein Schatz,
mein Mund formt euer Lachen,
mein Herz schlägt euren Takt.“ (S. 68)

 

Fazit

 

Julia Engelmann spricht mir mit ihren 14 kleinen Texten aus der Seele. Sie schreibt über das Leben, über Liebe, Ängste, Träume. Sie trifft ins Herz, unterhält, lässt mich nachdenken, sagt so viel Wahres. Gänsehautfeeling pur und so viel Echtheit – verdiente fünf Herzen für diese wunderbaren Herzenszeilen.

Melancholisch und doch berührend

Stoner - John Williams

Das Buch handelt von einem Mann, der als Sohn armer Farmer geboren wurde, bis er schließlich seine Leidenschaft für Literatur entdeckt. Er wechselt das Studienfach und wird später Professor. Die Geschichte eines genügsamen aber auch wahrhaftigen Lebens. Der Roman behandelt viele Themen – es geht um Freundschaft, Ehe, den Campus und über harte, erbarmungslose Arbeit auf Farmen. Aber es geht auch um Liebe in all ihren Facetten. Ein Roman über das Menschsein.

 

Meinung

 

„[…] Die Liebe zur Literatur, zur Sprache, zum Mysterium des Verstandes und des Herzens, wie sie sich in den kleinen, seltsamen und unerwarteten Kombinationen von Buchstaben und Wörtern zeigt […], diese Liebe begann er nun offen zu zeigen, zögerlich zuerst, dann mutiger und schließlich voller Stolz.“ (S. 144)

 

John Williams hat einen eher kühlen, schnörkeligen aber doch sehr eingehenden und anmutigen Schreibstil. Ohne große Ausschmückungen und Höhepunkte erzählt er uns die Geschichte von John Stoner. Er wird als Sohn armer Farmleute geboren und lebt ihn einer sehr kühlen Familie, in der es kaum Emotionen geschweige den ein Familienleben gibt. Und genauso schreibst Williams. Diese ständige unterkühlte Stimmung, dieses harte Leben vollkommen ohne Ehrgeiz von Stoner transportiert er dadurch sehr glaubhaft.

 

Zunächst studiert Stoner im Landwirtschaftskurs. Jeder Student muss allerdings einen Einführungskurs in Literatur mitmachen. Und plötzlich entdeckt Stoner seine Liebe zur Literatur und schafft es schließlich bis zum Assitenzprofessor. Aber auch keinen Schritt darüber hinaus. Sein Leben lang arbeitet er Tag ein Tag aus ohne auch nur den geringsten Anspruch an seine Arbeit und seine Zukunft zu haben. Er ist gefangen in seiner eigenen Lustlosigkeit und einer ziemlich verkorksten Ehe. Sein Leben meistert er nur durch einen unerschütterlichen Gleichmut und seine Leidensfähigkeit gegen die Zumutungen die das Leben im aufbürdet. Aber nicht nur das hilft ihm, sondern vor allem seine Liebe zu Büchern und zu seiner Arbeit. Dort findet er tagein tagaus Trost.

 

Ihr seht also, Stoner führt ein sehr unspektakuläres, langweiliges Leben und Williams schafft es, diese Atmosphäre so gut zu transportieren, das ich selber schon ganz bedrückt und irgendwie deprimiert wurde. Was ich fast schon wieder gut finde, denn so konnte ich mich sehr gut in das Leben von Stoner hineinversetzten. Trotz fehlender Höhepunkte und dieser dauerhaften kühlen Atmosphäre ist das Buch dennoch berührend und ich konnte es kaum aus der Hand legen.

 

“Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt, noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.” (S. 7/8)

 

Es ist eine Geschichte über einen Menschen, der gebrochen ist und in einer kalten Ehe voller Hass gefangen ist ohne zu wissen, wie das geschehen konnte. Eine Geschichte über ein Leben voller Niederschläge, über einen jahrzentelangen, persönlichen Kampf. Ein Roman über einen Menschen, der lebte ohne zu leben, ein Roman über ein gescheitertes Leben.

 

Fazit

 

Stoner ist eine sehr eigenwillige Geschichte. Es gibt keine Höhepunkte, das ganze Buch transportiert eine sehr kühle und melancholische Stimmung. Und dennoch konnte mich Williams damit berühren und schafft es, Stoners Liebe zur Literatur auf eine einzigartige Weise zu transportieren. Das Buch hat mich nicht unterhalten aber berührt und zum Nachdenken gebracht und ist deswegen auf seine Art eine gelungene Geschichte.

Ein gelungener Einblick in das Leben der Chagall's

Die Tochter des Malers: Roman - Kathrin Bielfeldt, Gloria Goldreich

Als Ida, die behütete Tochter des Ausnahmekünstlers Marc Chagall sich im Paris der 1935er Jahre in den Studenten Michel verlierbt, steht ihre innige Beziehung zu ihrem Vater auf dem Spiel. Als Frankreich von den Deutschen besetzt wird, droht ihrer Familie tödliche Gefahr, was Marc Chagall aber durch die blinde Hingabe an seine Kunst verleugnet. Bald muss Ida das Zepter in die Hand nehmen und sich entscheiden – zwischen ihrem eigenen Lebensweg und der Rettung ihres Vaters.

 

Meinung

 

„‚Il y a toujours l’espérance‘ […]: Hoffnung – das war das schönste Geschenk das er Ida mitbringen würde.“ (S. 195)

 

„Die Tochter des Malers“ ist ein bibliografischer Roman über Ida, die Tochter des berühmten Malers Marc Chagall. Gloria Goldreich schafft es, streng chronologisch das aufrüttelnde, bewegende, stürmische Leben von Ida zu erzählen, ohne den Leser zu langweilen. Sie webt geschickt die historischen Geschehnisse, die Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg und die Verbindung der Familie Chagall, insbesondere die von Marc, zur Religion und Kunst mit ein.

 

Während die Beziehung zwischen Ida und Marc und vor allem Idas Leben und der Weg von einer behüteten, verhätschelten Tochter zu einer starken Frau im Vordergrund des Buches steht, bringt uns Goldreich die Kunst Chagalls und die Bedeutung dahinter näher ohne das es die Erzählung stört und wie aus dem Lehrbuch wirkt.

 

Wir tauchen in das Leben der Chagalls im Jahr 1935 ein, als Ida in einem Ferienlager den jungen Studenten Michel kennen lernt, der ebenfalls der Sohn russischer Juden ist. Er und seine Familie werden jedoch von den Chagalls aufgrund ihrer Armut verachtet. Ida wird schwanger und von ihren Eltern zur Abtreibung und Hochzeit mit Michel gezwungen, weil sonst das Ansehen ihrer Familie auf dem Spiel steht. Dieser Moment in Ida’s Leben ist der Wendepunkt in der Beziehung von Ida zu ihrem Vater, auch wenn sich die Wandlung sehr langsam vollzieht.

 

Während der Kriegsjahre hinweg erleben wir, wie Ida verzweifelt versucht, ihre Eltern zu retten, sie zum Exil in Amerika zu überreden. Vom behütenden und verwöhnten Kind wird sie zu einer Frau, die kämpfen kann, die genau weiß, wie sie ihre Reize einsetzten kann, um ihr Überleben zu sichern. Sie ist augenscheinlich stark, unabhängig, teilweise sogar arrogant und ist nicht immer ein sympathischer Charakter. Das Wohl ihres Vaters und ihrer Mutter steht über allem, sogar über ihrem eigenen Leben. Nach und nach wird sie diejenige, die das Leben ihres berühmten, aber sehr naiven, realitätsfremden und arroganten Vaters regelt. Dabei merkt er kaum, was Ida alles tut und sie versucht verzweifelt, Wörter der Anerkennung zu bekommen. Diese Abhängigkeit spiegelt sich bis zur letzten Zeile des Buches wieder, dieser Kampf der jungen Ida, ihrem Vater gerecht zu werden und dennoch ihre eigene Liebe, ihr eigenes Leben zu finden.

 

„Sie würde immer die Tochter ihres Vaters bleiben, sie würde ihn immer lieben, doch jetzt, endlich, musste sie nur noch ihre eigenen Kinder bemuttern.“ (S. 576)

 

Goldreich hat die Charaktere Ida und ihre Eltern sehr authentisch und vielschichtig gezeichnet. Es ist, als erlebte man all diese Jahre gemeinsam mit ihnen. Als würde man mit ihnen an einem Tisch sitzen. Sie hat hervorragend Recherchearbeit geleistet und gibt uns einen tiefen Einblick in das Leben dieser einzigartigen Frau, die so unfassbar stark und unabhängig wird und doch zerbrechlich ist. Ida war dabei nicht immer sympathisch aber beeindruckt durch ihre unablässige Loyalität gegenüber ihrer Familie. Zwar wirkt das Buch an mancher Stelle etwas zu aufgebauscht, während die letzten Jahre auf wenige Seiten gequetscht werden, dennoch konnte es mich durchgehend unterhalten. Die szenischen Beschreibungen sind großartig. Goldreich schafft es stets, die momentane Atmosphäre zu transportieren. Dieses stetige Gefühl der Bedrohung und die Todesangst im zweiten Weltkrieg und später das berauschende Gefühl des Umbruchs, der dennoch von der Vergangenheit überschattet ist.

 

Fazit

 

Gloria Goldreich zieht uns mitten in das bewegende, aufregende, stürmische Leben von Ida und Marc Chagall. Dank ihr dürfen wir Ida auf ihrem Weg eines überbehüteten Kindes zu einer starken, kämpferischen, aber dennoch zerbrechlichen Frau begleiten. Ein authentischer, vielschichtiger biografischer Roman, der hervorragend recherchiert ist, uns Geschichte und Kunst näher bringt und mich trotz zwischenzeitlicher Längen gut unterhalten konnte.

Eine Komposition, die unter die Haut geht

Totenhaus: Thriller (Bestatterin Brunhilde Blum, Band 2) - Bernhard Aichner

Auf dem Innsbrucker Friedhof werden bei einer Exhumierung in einem Sarg zwei Köpfe und vier Beine gefunden. Es kann sich nur um Mord handeln. Und nur die Bestatterin Blum, die die Toten damals eingebettet hat, kommt als Täterin in Frage. Jetzt ist sie auf der Flucht und sucht Schutz an einem Ort, den sie besser niemals betreten hätte….

 

„[…] Weil sie sterben wird. Weil sie auf diesem Teppich liegen bleiben und tot sein wird.“ (S. 7)

 

Meinung


Auch in diesem zweiten Teil kann mich Bernhard Aichner mit seinem Schreibstil überzeugen. Ich liebe es, wie knallhart, kühl und fast schon emotionslos er schreibt. So klar und brutal. Das passt einfach zu hundert Prozent auf diese ebenso harte, packende, faszinierende aber gleichzeitig schockierende Geschichte rund um die Bestatterin Blum.

 

Blum ist für mich auch in diesem zweiten Band wieder die wichtigste Person ohne die der Schreibstil nicht funktionieren würde und umgekehrt. In Totenfrau haben wir erlebt, wie sie den Tod von Mark rächt, seine Mörder erbarmungslos jagt und zerstückelt. Ganz im Stil von Dexter. Dieser zweite Teil ist zwar auch immer noch total abgedreht und zum Teil krank, aber dieses Mal war die Geschichte weit weniger brutal, fast schon harmlos im Vergleich. Wir erleben erst, wie sie versucht, sich vor allem seelisch über Wasser zu halten. Wir erleben Blum als liebevolle, fürsorgliche Mutter, die alles für ihre Kinder tun wür. Bis ihr Leben zunächst wegen eines Bildes in der Zeitung und dann noch wegen einem Erbschaftsstreits, der dafür sorgt, dass der Sarg von damals geöffnet wird, erneut komplett aus den Fugen gerät.

 

Ihr bleibt nichts anderes übrig, als abzutauchen. Ohne ihre Kinder, bei fremden Menschen, an einem Ort der ihr zum Verhängnis wird. Einem Ort, an dem die Menschen fast noch kranker sind, als Blum selbst.

 

Dieses Mal konnte mich Aichner mit der Handlung komplett fangen, auch wenn ich sie teilweise wieder etwas unrealistisch fand. Es gab keine langwierigen, faden Stellen sondern ging alles rasant und dennoch in angenehmer Geschwindigkeit voran. Dabei überraschte er mich mit vielen Wendungen, mit denen ich im Leben nicht gerechnet hätte Nach wie vor ist für mich der Schreibstil und Blum, die Verbindung zwischen diesen beiden Komponenten, die wahre Kunst an Aichners Buch, was die Geschichte fast schon nebensächlich macht.

 

Fazit

 

Mit Totenhaus konnte mich Aichner wieder überzeugen. Zwar finde ich nach wie vor, dass die Handlung streckenweise wirklich unrealistisch ist. Aber dieser einzigartige, rasante, brutale, fast schon emotionslose aber doch packende Schreibstil mit dieser außergewöhnlichen Protagonistin – das sind Punkte, die das Buch ausmachen, eine Komposition, die unter die Haut geht.

 

Schöne Idee, etwas schwächelnde Umsetzung

Das Sommerversprechen: Roman - Elin Hilderbrand, Almuth Carstens

Die 48-jährige Dabney leitet seit knapp 25 Jahren die Handelskammer von Nantucket. Jeder kennt und liebt sie. Nicht nur, wegen ihrer Funktion sondern vor allem, weil sie die inoffizielle Heiratsvermittlerin der Insel ist. Sie hat schon über vierzig Paare zusammen gebracht. Denn sie erkennt seit ihrer Jugend, ob jemand zusammenpasst oder nicht. Doch dann erfährt Dabney, dass sie Krebs hat und nur noch wenige Monate leben wird. Sie beschließt, die verbliebene Zeit zu nutzen, um den wichtigsten Menschen in ihrem Leben den richtigen Partner zu suchen. Ihrem Ehemann, ihrem Liebhaber und ihrer Tochter. Doch was halten die drei selbst davon…

 

Meinung

 

„Mir fehlt mein Herz. Und das ist bei deiner Mutter. Ist es immer gewesen.“ (S. 255)

 

Der Schreibstil von Hilderbrand ist eher schlicht und stach für mich nicht besonders heraus. Es las sich wie ein Sommerbuch von vielen, wenn mir auch die Beschreibungen von Nantucket wirklich gut gefielen.

 

Dabney, die seit Jahrzehnten die Handelskammer von Nantucket, einer beschaulichen Insel, leitet, hat schon viele Paare zusammen gebracht. Sie sieht eine grüne Aura um die Paare, wenn es nicht die richtigen sind oder eine rosige Aura, wenn sie füreinander geschaffen sind. Bisher hat sie sich noch nie geirrt. Nur in diesem Sommer ist alles etwas anders, irgendwie ist der Wurm drinnen und ihr geht es zunehmend schlechter. Ab hier beginnt der Inhalt des Buches, doch vom Klappentext abzudriften. Die Handlung ist zwar schon nah an dem dran, was dort steht, aber auf eine andere Art und Weise. Es war schön geschrieben, aber mich hat das während des Lesens doch genervt, dass es eben nicht genau das ist, was dort steht. Somit geht man mit etwas falscher Vorstellung an das Buch heran.

 

Leider hat die Handlung für mich auch etwas stagniert. Wir lesen oft, wie schlecht es Dabney geht, doch die denkt zunächst über mehr als die Hälfte des Buches, ich würde sagen sogar das dreivierte Buch lang, sie wäre liebeskrank, wegen ihrer Dreiecksbeziehung. Das fand ich doch sehr unrealistisch und hat dafür gesorgt, dass das Buch irgendwie nicht ganz von der Stelle kam. Was sehr schade ist, denn die Idee und das Konzept fand ich wirklich schön und auch Dabney und ihre gute Freundin Nina mochte ich sehr. Alle anderen Charaktere waren für mich eher etwas farblos, aber sie haben dennoch diesen typischen Kleinstadt/Inselcharme versprüht.

 

Zwischendurch sind immer mal wieder kleine Geschichten von einzelnen Paaren, die Dabney verkuppelt hat, eingeschoben. Auch diese Idee fand ich wirklich süß, aber leider wirkten sie Fehl am Platz und mehr als Seitenfüller. Es hätte definitiv besser umgesetzt werden können. Erst im hinteren Teil des Buches nimmt die Geschichte vor allem emotional an Fahrt auf, als Dabney dann endlich ihre Diagnose bekommt. Ganz zum Schluss bekommen sogar die kleinen Geschichten der Paare einen Sinn, der mich dann doch noch berühren konnte.

 

„Dabney irrte sich nie. Sie hatte einen Blick für die Liebe, wie manche Menschen einen Blick für Farben haben.“ (S. 376)

 

Fazit

 

Alles in allem konnte mich „Das Sommerversprechen“ nicht ganz überzeugen. Der Titel Das Sommerbuch des Jahres erschließt sich für mich leider nicht. Die Idee hat mir im Ansatz gut gefallen und ich mochte die Charaktere. Allerdings arbeitet Hilderbrand doch mit recht viel Klischee, die Handlung stagnierte etwas und die Geschichte nahm mich erst sehr spät emotional mit.

Emotional aber voller Hoffnung

Zwanzig Zeilen Liebe: Roman - Rowan Coleman, Marieke Heimburger

Weil ich den Klappentext so traumhaft schön finde, hier das Original von euch, vom Piper Verlag:

 

Es gibt Briefe, die dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern, und solche, die dich zum Weinen bringen. Und dann, ganz selten, gibt es noch die Nachrichten, die sich tief in dein Herz brennen. Die dir bewusst machen, worauf es wirklich ankommt: auf die Liebe. Auf das Glück. auf den einen Moment im Leben, in dem die Sterne am Himmel ein wenig heller leuchten…

 

„Auf dem Papier werden ihre Worte unsterblich, wunderschön, persönlich. Sie kommen von Herzen und sind etwas Besonderes. Sie bleiben, sie können immer wieder gelesen werden. Ein Brief ist eine Erinnerung, die nie verschwindet, verblassen oder vergessen werden kann.“ (S. 408)

 

Meinung

 

Rowan Coleman konnte mich bereits mit ihrem ersten Buch „Einfach unvergesslich“ tief berühren. Umso mehr habe ich mich gefreut, endlich „Zwanzig Zeilen Liebe“ in den Händen zu halten.

 

Auch in diesem Buch schafft sie es, ein ernstes, trauriges Thema auf eine magische Art zu transportieren. Es ist ein sehr bewegendes Buch, dass dennoch Hoffnung und Leichtigkeit versprüht. Das macht es zu etwas ganz Besonderem. Sie schreibt so einfühlsam und emotional, damit trifft sie einem mit jedem Satz mitten ins Herz. Zwischen den einzelnen Kapiteln sind immer wieder Briefe, die Stella schreibt. Jeder einzelne davon, hat mich berührt und mehr als einmal zum Weinen gebracht.

 

Stella ist eine Krankenschwester, die in einem Hospiz arbeitet. Jede Nacht versteckt sie sich dort vor ihrem eignen Leben. Jede Nacht versucht sie den Sterbenden und ihren Familien die letzten Tage so erträglich und glücklich wie möglich zu machen. Jede Nacht schreibst sie Briefe. Briefe die die Patienten an ihre Familie und Freunde oder Menschen aus der Vergangenheit richten. Briefe, mit denen sie sich verabschieden, sich bedanken, einen letzten Wunsch mit auf den Weg geben. Zeilen, die jedes Mal aufs neue zeigen, was am Ende wirklich zählt – das man sich verzeihen kann, das man in Frieden mit seinem Leben abschließt, das man sein Leben lebt und versucht, jeden einzelnen Moment bis ins letzte auszukosten.

 

„Ich bin gerne zu Hause in meiner eigenen Welt. Die Welt da draußen ist nichts für mich.“ (S. 22)

 

Diese Geschichte verpackt Rowan Coleman mit liebenswerten, wunderbaren Charakteren. Stella versucht ihr bestes, um für jeden Patienten dazu sein. Dabei hat sei selber ein dickes Päckchen zu tragen. Sie hilft Hope, neuen Lebensmut zu finden. Den Hope ist nur vorübergehend da, sie ist dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen. Und sie schreibt für Grace die letzten Zeilen auf. Zeilen, die ihr zeigen, dass es sich lohnt zu Kämpfen, ja das man sogar Kämpfen muss, um das Leben zu führen, das man führen möchte. Um die Menschen zu halten, die man liebt oder um wenigsten den Lebensabschluss zu haben, den man sich wünscht. Jeder Charakter ging mir tief unter die Haut, hat eine berührende aber auch realistische Geschichte. Aber ganz besonders haben mir Jake, Ninja und Shadow gefallen. Warum, das müsst ihr selber herausfinden.

 

„Also vermisse mich nicht, weil ich nämlich gar nicht sterbe, ich verändere nur die Form – ich bin der Wind in den Baumkronen, die Welle im Meer, die Kieselsteine unter deinen Füßen, der Staub auf deinen Bücherregalen, der Nachthimmel.“ (S. 364)

 

Fazit

 

Rowan Coleman hat mich mit Zwanzig Zielen Liebe mehr als einmal zum Weinen gebracht. Obwohl das Buch sich viel ums Sterben dreht, handelt es doch eher vom Leben. Jeder einzelne Brief, jeder Charakter, zeigt uns, wie wichtig es ist zu Kämpfen. Für sein Leben und für die Dinge und Menschen die man liebt. Ein Buch, dass mich bewegt hat und mitten ins Herz getroffen hat. Ein Buch das zeigt, wie wichtig es ist, jeden einzelnen Moment der uns auf dieser Welt vergönnt ist, bis ins Letzte auszukosten, egal wie schwer es auch manchmal fallen mag.

Überraschend und Rätselhaft

Die Frau mit dem roten Schal: Roman - Michel Bussi, Olaf Matthias Roth

uerst sieht Jamal nur den roten Schal. Doch dann auch die verzweifelte junge Frau, die am Rande der Klippen steht. Er wirft ihr den Schal zu, will sie retten. Aber sie springt. Doch niemand glaubt seine Geschichte, denn vor einigen Jahren sind bereits zwei andere Frauen nach exakt dem gleichen Muster zu Tode gekommen. Jamal versucht verzweifelt zu beweisen, dass er nichts mit dem Tod der Frau zu tun hat, doch alles spricht gegen ihn. Bald weiß er nicht mehr, was wahr ist und wem er noch vertrauen kann.

Meinung

 

Schreibstil

 

Michel Bussi schreibst sehr schlicht, aber dennoch auch geheimnisvoll. Seine Beschreibungen von Orten und Personen sind einzigartig. Die Geschichte wird von Jamal erzählt und springt immer wieder zwischen den Zeiten. Zusätzlich wird sie unterbrochen von Polizeiberichten, die Jamal von einem oder einer Unbekannten zugesteckt werden. Selbst diese hat Bussi in seinem literarischen Schreibstil gehalten, statt in der typischen Beamtensprache, was mir gut gefallen hat.

 

Geschichte und Charaktere

 

Jamal ist ein sehr einzigartiger Charakter, den man so sonst nicht trifft. Oft ist es so, dass Charaktere sich einander ähneln, dass man bei einem Buch denk, ja so in der Art hab ich das schon gelesen. Jamal ist da ganz anders, ich kann noch nicht mal genau beschreiben wieso. Auch die anderen Charaktere, egal ob sie nun viel vorkamen oder nicht, hatten alle etwas besonders, insbesondere Mona. Sie hatte etwas sehr geheimnisvolles an sich und hat mir ebenfalls gut gefallen.

 

Jamal ist nur für wenige Tage in Yport, und trainiert jeden Morgen für den schwersten  Lauf der Welt – obwohl er nur ein Bein hat. Eines morgens sieht er dort ein wunderschönes Mädchen am Rande der Klippen stehen und einen roten Schal, den sie auf ihrer Flucht scheinbar verloren hat. Er nimmt ihn mit, geht langsam auf sie zu und spricht sie an, will sie daran hindern, wirklich zu springen. Er reicht ihr den Schal, damit sie sich daran festhalten kann. Doch sie reißt ihm den Schal aus den Händen und springt. Am Fuße der Klippen sieht er nur noch ihre Leiche liegen, gemeinsam mit zwei andern Zeugen, die am Strand spazieren gingen.

 

Doch die Polizei will seine Geschichte, sie wäre freiwillig gesprungen, nicht glauben. Denn vor zehn Jahren gab es schon einmal zwei solcher Fälle, die nach dem selben Muster abliefen. Verzweifelt versucht er, seine Unschuld zu beweisen und verstrickt sich immer tiefer in ein Netz voller Geheimnisse. Bis er anfängt selber an sich zu zweifeln, selber nicht mehr weiß, was wahr ist und was nicht. Ist er doch ein Mörder? Wird er verrückt? Was ist die Wahrheit? Will ihm jemand eine Falle stellen?

 

Fragen über Fragen, die auch mich als Leser stets in Atem hielten und mich immer wieder auf die falsche Fährte führten. Bussi schafft es zu erst langsam und gemächlich zu starten und einen quasi in Sicherheit zu wiegen, bis dann plötzlich alles Schlag auf Schlag geht. Bis eine Wirrung nach der anderen auftaucht und auch mich als Leser immer mehr daran zweifeln lässt, wer nun gut und böse ist, was nun wahr und falsch ist. Mich konnte Bussi von der ersten bis zu letzten Seite fesseln und mehrfach überraschen. Das Ende hat dem Ganzen dann aber noch die Krone aufgesetzt.

 

Fazit

 

Michel Bussi hat einen Roman voller Wirrungen, Fragen und Geheimnisse erschaffen. Er konnte mich von der ersten bis zur letzten Seite fesseln und stets aufs neue verwirren. Mit seinem Charakter Jamal und dem Ende hat er mich begeistert und rundet das ganze mit einem schlichten, aber einnehmenden Schreibstil ab.

Überraschend und Rätselhaft

Iliad - Homer

Zuerst sieht Jamal nur den roten Schal. Doch dann auch die verzweifelte junge Frau, die am Rande der Klippen steht. Er wirft ihr den Schal zu, will sie retten. Aber sie springt. Doch niemand glaubt seine Geschichte, denn vor einigen Jahren sind bereits zwei andere Frauen nach exakt dem gleichen Muster zu Tode gekommen. Jamal versucht verzweifelt zu beweisen, dass er nichts mit dem Tod der Frau zu tun hat, doch alles spricht gegen ihn. Bald weiß er nicht mehr, was wahr ist und wem er noch vertrauen kann.

Meinung

 

Schreibstil

 

Michel Bussi schreibst sehr schlicht, aber dennoch auch geheimnisvoll. Seine Beschreibungen von Orten und Personen sind einzigartig. Die Geschichte wird von Jamal erzählt und springt immer wieder zwischen den Zeiten. Zusätzlich wird sie unterbrochen von Polizeiberichten, die Jamal von einem oder einer Unbekannten zugesteckt werden. Selbst diese hat Bussi in seinem literarischen Schreibstil gehalten, statt in der typischen Beamtensprache, was mir gut gefallen hat.

 

Geschichte und Charaktere

 

Jamal ist ein sehr einzigartiger Charakter, den man so sonst nicht trifft. Oft ist es so, dass Charaktere sich einander ähneln, dass man bei einem Buch denk, ja so in der Art hab ich das schon gelesen. Jamal ist da ganz anders, ich kann noch nicht mal genau beschreiben wieso. Auch die anderen Charaktere, egal ob sie nun viel vorkamen oder nicht, hatten alle etwas besonders, insbesondere Mona. Sie hatte etwas sehr geheimnisvolles an sich und hat mir ebenfalls gut gefallen.

 

Jamal ist nur für wenige Tage in Yport, und trainiert jeden Morgen für den schwersten  Lauf der Welt – obwohl er nur ein Bein hat. Eines morgens sieht er dort ein wunderschönes Mädchen am Rande der Klippen stehen und einen roten Schal, den sie auf ihrer Flucht scheinbar verloren hat. Er nimmt ihn mit, geht langsam auf sie zu und spricht sie an, will sie daran hindern, wirklich zu springen. Er reicht ihr den Schal, damit sie sich daran festhalten kann. Doch sie reißt ihm den Schal aus den Händen und springt. Am Fuße der Klippen sieht er nur noch ihre Leiche liegen, gemeinsam mit zwei andern Zeugen, die am Strand spazieren gingen.

 

Doch die Polizei will seine Geschichte, sie wäre freiwillig gesprungen, nicht glauben. Denn vor zehn Jahren gab es schon einmal zwei solcher Fälle, die nach dem selben Muster abliefen. Verzweifelt versucht er, seine Unschuld zu beweisen und verstrickt sich immer tiefer in ein Netz voller Geheimnisse. Bis er anfängt selber an sich zu zweifeln, selber nicht mehr weiß, was wahr ist und was nicht. Ist er doch ein Mörder? Wird er verrückt? Was ist die Wahrheit? Will ihm jemand eine Falle stellen?

 

Fragen über Fragen, die auch mich als Leser stets in Atem hielten und mich immer wieder auf die falsche Fährte führten. Bussi schafft es zu erst langsam und gemächlich zu starten und einen quasi in Sicherheit zu wiegen, bis dann plötzlich alles Schlag auf Schlag geht. Bis eine Wirrung nach der anderen auftaucht und auch mich als Leser immer mehr daran zweifeln lässt, wer nun gut und böse ist, was nun wahr und falsch ist. Mich konnte Bussi von der ersten bis zu letzten Seite fesseln und mehrfach überraschen. Das Ende hat dem Ganzen dann aber noch die Krone aufgesetzt.

 

Fazit

 

Michel Bussi hat einen Roman voller Wirrungen, Fragen und Geheimnisse erschaffen. Er konnte mich von der ersten bis zur letzten Seite fesseln und stets aufs neue verwirren. Mit seinem Charakter Jamal und dem Ende hat er mich begeistert und rundet das ganze mit einem schlichten, aber einnehmenden Schreibstil ab.

Berührend, emotinal und voller Hoffnung

Als die Sonne im Meer verschwand - Susan Abulhawa, Stefanie Fahrner

Meinung

 

„Für Nur war es das erste Mal, dass sie an einen Ort zurückkehrte, der ihr etwas bedeutet. Bislang war sie eine Getriebene gewesen, wollte immer nur fort. Fort in der Hoffnung, der nächste Ort möge besser sein.“ (S. 363)

 

Auch in diesem zweiten Buch konnte mich Susan Abulhawa von beginn an mit ihrem wundervoll bildlichen, emotionalen und packenden Schreibstil gewinnen. Wie bei Während die Welt schlief schlief, hat die Geschichte, deren Charaktere alle fiktiv sind, doch einen Hauch von ihr selbst, ihrer Familiengeschichte, ihrer Herkunft und die bittere Realität des Nahost-Konfliktes in sich. Diese Realität, diese Spur Echtheit innerhalb des Lebens der erfunden Protagonisten sind es, die mich auch in diesem Buch wieder tief berührten und mitnahmen. Die einen mitten ins Herz gehen und einen tief erschüttern. Susan Abulhawa schafft es, mit ihrem tiefgründigen, ruhigen Stil, der keinerlei Brutalität ausdrückt und nicht einen Bomben- oder Raketenangriff ausführlich schildert, dennoch die grausame Realität des Lebens der Flüchtlinge in Gaza zu transportieren. Auf eine Art und Weise, die unter die Haut geht.

 

Die Protagonisten, wobei Nur für mich eigentlich nur ein eher nebensächlicher Charakter ist, sind liebenswert, geplagt vom Schicksal, aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Der Klappentext ist finde ich etwas irreführend, denn wir erleben zunächst viele Jahre gemeinsam mit Nur’s Vorfahren, zu denen sie erst viel später im Buch findet. Gemeinsam mit ihnen erleben wir den täglichen Kampf ums Überleben, den ständigen Verlust von Hab und Gut, der Angst vor neuen Kämpfen, dem Trauma, mit dem viele Menschen dort leben. Gleichzeitig erleben wir, wie widerstandsfähig vor allem die Frauen aus Nur’s Familie sind. Wie sie jede Gelegenheit nutzen, das Leben dennoch zu lieben und so angenehm wie möglich zu gestalten.

 

Nur ist entfernt verwandt mit den letzten Hinterbliebenen, die noch in Gaza leben. Sie ist in Amerika aufgewachsen und hat eine schwere Kindheit hinter sich. All diese seelischen Wunden nutz sie, selbst anderen als Psychologin zu helfen. Und so erleben wir, wie dieser scheinbar starke aber doch so zerbrechliche Charakter das erste Mal ihre Heimat erlebt und erfährt, was es heißt eine sie liebende Familie zu haben. Eine Familie, die sie sofort aufnimmt und wieder Hoffnung schöpft in dieser schwierigen Zeit.

 

„Der Mond ging auf, ein willkommener Gast, den alle mit Ehrfurcht begrüßten. Es war der selbe Mond, der auf den Rest der Welt jenseits des Käfigs fiel, und das gab den Menschen ein Gefühl der Freiheit.“ (S. 371)

 

Fazit

 

Susan Abulhawa setzt mit „Als die Sonne im Meer verschwand“ wieder ein Zeichen. Ein Zeichen, wie wichtig es ist, eine Familie zu haben, ein Leben voller Glaube, Hoffnung und Liebe. Sie zeigt die unbeschreibliche Kraft und den Zusammenhalt palästinensischer Frauen in Gaza. Dabei zieht sie einen mit authentischen, kraftvollen Charakteren und ihrem emotionalen, packenden Schreibstil von der ersten Seite an mit.

Ein wundervolles Debüt

Nachts - Mercedes Lauenstein

Eine junge Frau streift jede Nacht durch die Stadt. Sie ist auf der Suche nach Etwas und weiß eigentlich gar nicht wonach. Sie denkt, dass sie es vielleicht hinter diesen letzten erleuchteten Fenstern finden kann. Sie klingelt und begegnet dabei Menschen im Moment ihrer höchsten Einsamkeit und Menschen, die nachts erst richtig leben, wenn um sie herum alles still und dunkel ist.

 

„Für einen Moment kippt meine Wahrnehmung der Nacht. Die Nacht ist plötzlich kein Ende mehr, kein toter Punkt, sondern etwas Neues. Nichts Dunkles, sondern etwas Helles.“ (S. 24)

 

Meinung

 

Mercedes Lauenstein schreibt sehr gefühlvoll, voller Metaphern und Wahrheiten, die einem unter die Haut kriechen. Sie schreibt beruflich Reportagen und Essays, was man vom ersten Satz an merkt. Das ganze Buch ist eine Sammlung kleiner Kurzgeschichten, die schon wie eine sehr bewegende, realitätsnahe Reportage anmuten. Es ist, als würden die Mensch in diesem Buch wirklich existieren, als könnte ich wie die namenlose Erzählerin einfach nachts bei ihnen klingeln und Hallo sagen.

 

„Wenn ich am Fenster sitze und Castro trinkt, dann ist alles win Watte, wie eingeschneit, nur eben ganz warm, und kein bisschen beneide ich die, die draußen rumlaufen.“ (S. 13)

 

Die junge, namenlose Erzählerin nimmt uns nacht für nacht mit zu fremden Menschen. Menschen, die auch sie selbst nicht kennt. Sie erzählt ihnen, sie sei eine Forscherin, die herausfinden will, warum manche Leute nachts wach sind. Jede Nacht, mal um kurz nach eins, mal um kurz vor fünf, sucht sie nach diesem einen, letzten erleuchteten Fenster. Sie klingelt. Einige begegnen ihr mit Skepsis, doch schließlich lässt sie jeder herein. Sie alle fangen an, ihre Geschichte zu erzählen.

 

„Die Nacht mag ich nicht. Es ist, als würden die Leute nachts aus ihren Häusern verschwinden, in ein Land gehen, zu dem ich keinen Zugang habe, und mich hier den bösen Geistern zum Fraß überlassen.“ (S. 101)

 

Das Buch ist keine zusammenhängende Geschichte, sondern jeder dieser 25 Personen bekommt seine eigene, in sich abgeschlossene Geschichte, seine eigene Nacht. Das lässt den Leser tief in die Geschichte jedes einzelnen eintauchen. Wir lesen von Menschen, die einsam sind, Menschen, die nicht schlafen können, die von Ängsten oder Kummer geplagt sind oder die die Nacht einfach nur lieben. Von Leuten, die ankommen, die aufbrechen, die einschneidende Erlebnisse hatten und deswegen in diesem Moment nicht schlafen. Jeder einzelne von ihnen ist dabei so wahnsinnig authentisch. Mercedes Lauesten schreibst so real, dass ich mich fühlte, als würde ich selber gerade mit auf Bett, dem Balkon, am Fenster, dem Küchentisch sitzen und der Erzählung der jeweiligen Person lauschen.

 

Nur eine, eine berichtet uns ihre Geschichte bis zum Schluss nicht- die Erzählerin selbst – nur in den letzten Zeilen, in der letzten Nacht, kommt heraus, warum sie das ganze wirklich macht und das konnte mich trotz leiser Ahnungen sehr überraschen.

 

Fazit

 

Mercedes Lauenstein ist ein wunderbares, gefühlvolles, emotionsgeladenes und dennoch sanftes und ruhiges Debüt gelungen. Ein Debüt, dass dem Leser das Gefühl gibt, ein tiefgründige, emotionale Reportage zu realen Menschen zu lesen. Mit einem wunderbar klaren, sanften Schreibstil, der still vor sich hin plätschert und realitätsnahen Charakteren mit einzigartigen Geschichten.